Chronik von 1850 bis 1953


Erich Böckh
Historische Unterstützung:Willi Kettner und Stadtarchivar Dr. Alexander Usler


Musik und Gesang wurden laut alten Urkunden und Überlieferungen bereits seit dem 13. Jahrhundert an der Giengener Lateinschule unterrichtet.

Turmbläser und Zinkenisten versahen ihren Dienst schon zu reichsstädtischen Zeiten vom Turm der Stadtkirche. So sind aus dem Jahr 1732 die Namen dieser Musiker erhalten, die auch bei Hochzeiten und anderen bürgerlichen und privaten Feiern aufspielten. Aus dem Protokoll der Stiftungsverwaltung geht hervor, dass bereits im Jahr 1834 eine Musikschule mit Unterricht in Gesang und verschiedenen Blas und Streichinstrumenten bestand. Schon 1835 wurde ein Musiklehrer durch die Stiftungspflege angestellt und vergütet.

 

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Anzeige im Gränzboten von 1850:
Das erste Konzert des “Musik-Vereins”

Am 10. März 1850 trat der neu gegründete „Musik-Verein“ erstmals mit Musiklehrer Schreitmüller und unter Mitwirkung des 1838 gegründet-en Gesangverein „Liederkranz“ im Gasthaus zum „Einhorn“ an die Öffentlichkeit.
Drei weitere „Productionen“ des noch jungen Vereines verzeichnet der „Gränzbote“ im Jahr 1850. Am 24. Juli 1850 wurde die Direktion der Musik an Unterlehrer Mayer übertragen, der aber leider schon im Oktober 1850 verstarb. Das Stiftungs-protokoll von 1851 beschreibt die Tätigkeit des Musikdirektors, die im wesentlichen bis zur Abschaffung der Stelle im Jahr 1938 Gültigkeit hatte. Diese sah neben seinen kirchlichen und weltlichen musikalischen Funktionen auch die Aufsicht über das Turnwesen vor. Diese Musikdirektoren waren kraft ihres Amtes auch Leiter des “Musik-Vereines” und der späteren Stadtkapelle. Der 24 jährige Christoph Braun wurde am 04. Juni 1851 zum Musikdirektor gewählt und trat bereits am 01. Juli sein Amt an. Als erster Musikdirektor setzte er sich auf vielfältige Weise für das Giengener Musikleben ein. Nicht wenige in der ganzen Region vielbeachtete Konzerte wurden in seiner 25-jährigen Tätigkeit aufgeführt. Eines der ältesten Bilder zeigt Musikdirektor Braun mit zehn seiner Musiker im Jahr 1866.

 

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In den Jahren 1875/1876 veranstalteten der Gesangs- und Musik-Verein einen „Cyklus“ von 6 Konzert-en, wobei der „Musik-Verein“ teils als Streich- oder Blasorchester mit-wirkte. Nachdem Braun am 30. Juni 1876 ein Amt aufgab, brachen für den „Musik-Verein“ und das musik-alische Leben in Giengen schlechte Zeiten an. Der vorgesehene Nach-folger Herrmann Robert Marx aus Breslau trat sein Amt nicht an. So kam erst im Februar 1877 mit Christian Friedrich Ott ein neuerMusikdirektor, der sich in seiner sechsjährigen Tätigkeit hauptsäch-lich und mit großem Erfolg der geistlichen Musik widmete.


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Mit der Gründung einer ständigen Harmoniemusik und eines separaten Streichorchesters gleich nach seinem Amtsantritt 1882 durch seinen Nachfolger Ferdinand Hartung erlangte die weltliche Musik wieder den Stellenwert wie unter Christoph Braun. 17 Musiker meldeten sich auf den Aufruf im „Brenzthal-Boten“. Für neue Instrumente bekam er 1882 je 36 Mark von der Stiftungspflege und der Stadtkasse. Schon damals erhielten die Musiker pro Probe 20 Pf von der Stiftungspflege. Als ehemaliger Militärkapellmeister und Soloklarinettist der britischen Garnison auf der Insel Barbados und Stadtkapellmeister in Waldshut brachte Braun Erfahrungen in der Ausbildung und Leitung von ver-schiedenen Orchestern mit. Die Gründung des zweiten Gesangsvereines, der Liedertafel im Jahr 1885 ist ihm zu verdanken. Nach 24 jähriger Tätigkeit trat er am 1. April 1907 in den wohlverdienten Ruhestand. Aus 27 Kandidaten wurde am 21. Februar 1907 Robert Schilling zum Musikdirektor gewählt.


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Zeitungsanzeige 1907: Gemeinsames Konzert der Liedertal und der Stadtkapelle


Sein wohl erster öffentlicher Auftritt mit dem ab jetzt als Stadtkapelle bezeichneten Orchester war beim Konzert der Liedertafel am 12. Mai 1907. Am 30. Juli 1907 war die Stadtkapelle in der Besetzung als Blasorchester bei ihrem Konzert im mit 350 Personen dicht besetzten Garten des Schlüsselkellers zu hören. Robert Schilling schreibt hierzu in einem Brief 1964 „dass er mit der Stadtkapelle durch fleißiges Proben am Wochenende und an Abenden im Winter in der Streichmusik und im Sommer in der Blasmusik soweit schulen konnte, dass sie nun von anderen Vereinen bestellt wurde“.

Als nach dem 1. Weltkrieg der Süd-deutsche Musikerverband gegründet wurde, übernahm die Stadtkapelle und die Stadt das 1. Musikfest des Bezirks II Rosenstein. 31 Kapellen mit über 400 Musikern beteiligten sich an dem über 4 Tage dauernden Fest. Höhepunkte waren das Festbankett am Samstagabend und das Preisspielen am Sonntagmorgen in der Turnhalle, der Festzug durch Giengen mit vielen örtlichen Vereinen, sowie der Massenchor mit allen Musikern unter Leitung von Robert Schilling auf dem Schießberg.

Aus dem Erlös dieser Veranstaltungen konnte die Stadtkapelle eine blaue Uniform für ihre Musiker anschaffen. Bei allen nachfolgenden Musikfesten beteiligte sich die Stadtkapelle. 1926 kam sie beim Wettspiel in Schwäbisch Gmünd von 32 Kapellen in der Mittelstufe mit 112 Punkten an die 1. Stelle.

Im Jahr 1938 beendete der in Giengen nur „Musele“ genannte Robert Schilling im Alter von 63 Jahren seine Tätigkeit. Er war der letzte Musikdirektor, der so umfassend in seinen Funktionen im kirchlichen und weltlichen Geschehen in Giengen wirkte.

Nach seinem Weggang wurde die Stelle aus dem Besoldungsplan der Stadt gestrichen und mit dem 24- jährigen Arno Eichler aus Tuttlingen nur noch ein Musikdirigent angestellt, der jedoch nach kurzer Zeit als Soldat in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde.


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Die Stadtkapelle Giengen mit Musikdirektor Schilling beim Sängerfest in Ulm 1929

Nach 1945 wurde der Musikschulbetrieb mit dem Leiter Heribert Beutel wieder aufgenommen. In seiner Stellenbeschreibung war auch die Leitung eines städtischen Blasorchesters vorgesehen. Es wurden zwar Proben abgehalten, aber öffentliche Auftritte sind aus dieser Zeit nur wenige überliefert.

In der Musikschule wurde 1948 ein Jugendblasorchester gegründet, welches bereits 1949 beim Kinder-fest in Erscheinung trat und den Festzug auf den Berg anführte. In den kommenden Jahren wurden durch verschiedene Musiker immer wieder Gruppierungen gegründet, die aber meist nach einigen Monaten wieder verschwanden.

Erst 1953 mit der Gründung des Musikvereins durch Musiker der ehemaligen Stadtkapelle, Musikern aus den Reihen der Vertriebenen, die sich in der Kapelle Edelweiss formiert hatten, konnte die blasmusikalische Tradition in Giengen wieder zum Leben erweckt werden.